Johannes Turmair – Historiker, Humanist, Universalgelehrter

Johannes Aventinus

„Johannes Turmair war ein berühmter Straubinger Humanist, der viel über die Geschichte Straubings aufgeschrieben hat. Darum wurde unsere Schule nach ihm benannt." „Johannes Turmair war ein Straubinger Bürgermeister, der vor 500 Jahren gelebt hat, und unsere Schule gegründet hat."
Beides stimmt leider nicht. Das sind zwei der kreativeren Antworten auf eine - insgesamt recht ernüchternde - Umfrage unter Schülern der 10. Jahrgangsstufe des Johannes-Turmair-Gymnasiums zum Thema „Wer war Johannes Turmair?" und „Warum wurde unsere Schule nach ihm benannt"? Johannes Turmair war auf seinen ausgedehnten Reisen durch das Land der Bayern zwar bestimmt auch einmal in der alten Herzogsstadt Straubing, aber seinen Lebensmittelpunkt hatte er hier nie. Er war zwar auch ein Pädagoge, aber eine Schule gegründet hat er nicht, weder in Straubing noch anderswo.

Geboren wurde Turmair 1477 in Abensberg – weshalb er sich selbst zu „Aventinus", der Abensberger, latinisierte. In der Gelehrtenwelt hatte das einen ganz anderen Klang als das doch recht provinzielle „Turmair" – und außerdem suggerierte Turmair alias Aventinus damit eine römische, antike Abstammung: Der „Aventin" ist bekanntlich einer der sieben Hügel Roms. Solcherlei biographischer Etikettenschwindel war damals unter Humanisten nicht unüblich. In der Tat sah sich der Gelehrte und Geschichtswissenschaftler Turmair, der natürlich fließend Latein sprach, in der Tradition der römischen Historiker. Dass sein Horizont tatsächlich nicht an den Landesgrenzen Altbayerns endete, zeigt seine intensive Korrespondenz mit vielen anderen Geistesgrößen seiner Zeit, wie dem großen humanistischen Poeten Konrad Celtis - seinem Ingolstädter Lehrer -, dem Straßburger Historiker und Altphilologen Beatus Rhenanus, dem Nürnberger Historiker und Altphilologen Willibald Pirckheimer, dem katholischen Theologen Johann Eck, aber auch mit dessen Gegenspieler, dem evangelischen Theologen Philipp Melanchthon, und mit Martin Luther selbst.
Seine Weltläufigkeit erlangte der Abensberger Gastwirtssohn schon während des Studiums: Er studierte zunächst in Ingolstadt, damals Bayerns erster und einziger Universität, später dann an den renommierteren Hochschulen zu Krakau, Paris und Wien. Statt des angestrebten Lehrstuhls in Ingolstadt, wo er auch schon Vorlesungen gehalten hatte, erhielt Turmair 1509 die Berufung zum Erzieher der wittelsbachischen Herzogssöhne Ludwig und Ernst. Diese zweit- und drittgeborenen Söhne wuchsen fernab des Münchner Hoflebens in der herzoglichen Residenz zu Burghausen auf. Als Dank für seine langjährigen pädagogischen Bemühungen um die Herzogssöhne wurde Turmair 1517 schließlich zum „Historiographus", zum herzoglich bayerischen Hofgeschichtsschreiber ernannt. Sein Zeitgenosse Kaspar Bruschius, auch ein Humanist, beschreibt Turmair folgendermaßen:
"Von Person ist er ein dürrer, hagerer, in Essen und Trinken fast maßvoller Mann gewesen, von ziemlicher Länge, bleicher Farbe, einem roten Bart, der ihm unter dem Kinn stund; mit bondem schlichtem Haar, in seiner Kleidung gemeiniglich wie ein ehrsamer Priester."
Dass dieser so asketisch wirkende Mann durchaus kein Blatt vor den Mund nahm, zeigen seine Ausführungen über Adel und Kirche:
"Die Wahrheit ist nicht jedermanns Sache! Es hört sie nicht jedermann gern, es kann sich nicht jedermann damit behelfen und reich werden. Sie macht mehr Hass und Neid, denn Gunst und Freundschaft. (...) Ich schweige von den großen Herren: von denen will ich hier gar nichts gesagt haben. Wer nicht Ehrliches und Gutes tut, der achtet keiner Ehre nicht; was nicht Geld trägt, das kümmert ihn nicht. (...) In allen alten Geschichten find ich zudem, dass in allen Ländern, in allen Völkern, in allen Sprachen und Glauben der Welt her die Geistlichen ihrer selbst nicht vergessen haben und mehr sich denn andere Leute bedacht haben."
Mit solchen und ähnlichen Äußerungen begab sich der erste Geschichtsschreiber Bayerns in den Zeiten von Reformation und Gegenreformation auf ein gefährliches Terrain. Verdächtig machten ihn auch seine Kontakte zu Luther und Melanchthon, sodass ihn schließlich die Stadtväter von Abensberg 1528 im städtischen Verlies festsetzten, angeblich wegen "Nichtbeachtung der Fastengebote." (...). Erst auf Intervention des Herzogs Wilhelm IV. selbst, der sich dem ehemaligen Lehrer und Erzieher seiner beiden jüngeren Brüder verpflichtet fühlte, wurde er nach 14-tägiger Haft entlassen. Turmair zog daraufhin in die Freie Reichsstadt Regensburg, wo ein liberaleres Klima herrschte als im streng katholischen Herzogtum Bayern. Er kaufte dort ein Haus, heute Engelburgergasse Nr.14, heiratete im nicht mehr ganz jugendlichen Alter von 52 Jahren und vollendete sein wissenschaftliches Hauptwerk, die "Annales ducum Baiovariae".
Nebenbei war der Historiograph Turmair auch Urheber der ersten bayrischen Landkarte, die eine Generation später als Vorbild für die große Bairische Karte Philipp Apians diente. Außerdem verfasste er sechs Kloster- bzw. Stadtchroniken, u.a. zu Regensburg (leider wieder nicht zu Straubing), zwei politische Schriften zum Türkenkrieg, eine lateinische Schulgrammatik sowie je eine Abhandlung zur Musik, zur Etymologie des Deutschen und zur Mathematik der Römer. Er war also ein typischer humanistischer Universalgelehrter, der sich in allen Fakultäten heimisch fühlte.
In Regensburg starb Turmair schließlich auch, und zwar am 9. Januar 1534, im Alter von 57 Jahren. Zuvor übersetzte Turmair aber glücklicherweise die "Annales ducum Baiovariae" noch ins Deutsche. Weder die lateinische Ausgabe noch die eingedeutschte und erweiterte „Bairische Chronik" konnten allerdings zu Turmairs Lebzeiten gedruckt werden. Im politischen Klima der Gegenreformation war Turmairs freisinnige Art nicht opportun, und offenbar war die Herzogsfamilie selbst gegen eine Veröffentlichung des von ihnen in Auftrag gegebenen Werkes. Die lateinische Version erschien schließlich 1554 in Ingolstadt, die brisantere deutsche Fassung erst im Jahre 1566 in Frankfurt – nicht von Ungefähr wieder in einer Freien Reichsstadt. Unsere Bibliothek besitzt übrigens die deutsche Original-Fassung und immerhin eine – wieder in Frankfurt gedruckte – lateinische Ausgabe von 1627.
Turmairs Motivation für die Übersetzung des eigenen Werks war typisch humanistisch. Er möchte, dass jeder, aber vor allem der Mächtige, und der ist fast immer des Lateinischen nicht mächtig, aus der Geschichte lerne. – Ein schöner Bildungsoptimismus, der sich, nach über 475 weiteren Jahren Menschheitsgeschichte, leider wie ein frommer Wunsch anhört:
"Denn in den alten Historien wie in einem Spiegel besieht ein jeglicher das Leben der andern und wird ohne Schaden daran erinnert, was er tun oder lassen soll. Er sieht, wie unbeständig, schwach, vergänglich Ruhm und Pracht des Reichtums und der Gewalt sei, wie es gar schnell und leichthin zergeht."
Dass Turmair als erster Geschichtsschreiber der Bayern kein Stubenhocker und Bücherwurm, sondern eher ein Entdeckungsreisender war, verrät sein Vorwort:
"Demnach hab ich nach meinem ganzen Vermögen gearbeitet, Tag und Nacht keine Ruhe gehabt, viel Hitze und Kälte, Schweiß und Staub, Regen und Schnee in Winter und Sommer ertragen, das ganze Baierland durchritten, alle Stifter und Klöster durchfahren, Buchkammern und –kästen fleißig durchsucht."
Bei seinen Expeditionen ins Bayernland hat Turmair natürlich auch die „Eingeborenen" genauer kennen gelernt. So beschreibt er den Stamm der Baiern in seiner berühmt gewordenen Charakteristik folgendermaßen:
"Das bairische Volk ist kirchlich, schlecht und recht, geht und läuft gerne wallfahrten, hat auch viele kirchliche Aufzüge; Es legt sich mehr auf Ackerbau und Viehzucht als auf den Krieg, dem es nicht sehr nachläuft; bleibt gerne daheim und zieht nicht viel zu Feld in fremde Länder; trinkt sehr, macht viele Kinder. Es ist etwas unfreundlicher und eigensinniger als andere. Der gemeine Mann (...) sitzt Tag und Nacht beim Wein, schreit, singt, tanzt, kartet, spielt, mag Wehr tragen, Schweinsspieß und lange Messer. Große und überflüssige Hochzeiten, Totenmahle und Kirchweihen zu haben ist ehrenhaft und unsträflich."

So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass selbst Goethe der Ansicht war, „dass man einen trefflichen Menschen tüchtig heranbilden könne, ohne dabei ein anderes Buch zu gebrauchen als Tschudis schweizerische oder Aventins bairische Geschichte."
Vielleicht war es also doch eine gute Entscheidung, dass sich unser Gymnasium 1966 den Namen „Johannes-Turmair-Gymnasium" zulegte – auch wenn Turmair womöglich nie in Straubing gewesen ist. Als Universalgelehrter steht Turmair für eine möglichst umfassende, fächerübergreifende Allgemeinbildung. – Ein Anspruch, der an unserer Schule immer noch aufrechterhalten wird. Vor allem aber verpflichtete sich die Schule mit der Namenswahl dem Humanismus. Dies muss ja keineswegs bedeuten, dass jeder Schüler gleich Altgriechisch lernt – es bedeutet aber auf jeden Fall, dass die freie Entfaltung jedes einzelnen in seiner ganzen Individualität, dass gegenseitige Achtung und Toleranz – und nicht Misstrauen und Reglemetierung - die oberste pädagogische Richtschnur an dieser Schule sein sollen.

 

Dr. H. Irler, OStR