„Überall mit dem Unerwarteten rechnen“, formuliert Polybios in seinen Historien. Wie oft gehen wir doch fehl in der Annahme, wir wüssten tatsächlich, was auf uns zukommt und wie wir zu reagieren haben! Doch von Anfang an: Auch heuer schien (fast) alles perfekt für den Griechischen Abend am Johannes-Turmair-Gymnasium, bei dem in gewohnter Manier Schülerinnen und Schüler der Klasse 8–13 auf der Bühne brillieren sollten. Für dieses Jahr stand das Stück „Der Musen-Contest oder Apoll gegen Python 2.0“ – verfasst von Griechischlehrerin Birgit Mania – auf dem Spielplan:

In Delphi installieren der Göttervater Zeus (Tobias Kraus) und Sohn Hermes (Finn Wagensohn) den Omphalos, den Nabel der Welt. Da erscheint, wie aus der Versenkung hervorgekrochen, Python (Luitpold Dengler), Trauma-Trigger des göttlichen Apoll (Elias Holl); denn schon einmal war er gegen diese schlängelnde schlammige Kreatur angetreten. Wie also reagieren, wenn es plötzlich heißt, dem totgeglaubten Feinde nochmals gegenüberzutreten? Durch seine geniale göttliche Halbschwester Athene (Paulina Becker) klug gelenkt, weiß unser Titelheld Rat: Er wird das Gewürm erneut besiegen, aber nur mit entsprechend hübschen Motivatoren – doch auch klug sollen sie sein! Ob Frau oder Mann: Das nimmt unser Apoll nicht so streng. Und so beginnt das Casting – mit Werbung dafür zeitgemäß auf TikTok: Künstler gesucht! Der Algorithmus schwemmt sogleich die ersten Kandidaten an: doch nur Pseudo-Künstler, sich selbst verherrlichende Typen, die die eulenäugige Athene scharf aburteilt! Dermaßen von den Männern enttäuscht, hofft man weiter auf die weiblichen Interessentinnen: Nach anfänglicher Skepsis vermögen die neun Kandidatinnen aber doch, den Gott der Künste zu überzeugen – allen voran Kalliope (Sophia Thomas), Apolls schönstimmiges Liebchen, mit ihrem Sohn Orpheus (Rafael Aich), der auch gleich heiter trällernd durch die Reihen des Publikums schreitet und die Zuschauer zum rhythmischen Klatschen animiert. Krass kontrastierend kracht dann aber – eine weitere Kandidatin! – die verstörende iMuse (Timo Braumandl) auf die Bühne unter dröhnendem Technosound. Doch als amusikalisch abgewiesen, bewegt sich das vom Techno-Guru Hermes geschaffene Robotermonstrum geknickt wieder von dannen. Neun Musen groß ist das neue Gefolge Apolls also; nun fehlt es nur noch am gewissen Pathos: Da stimmt der blinde Tachylogos (Thomas van Weert) den Apollon-Rap an, bis das ganze, nun zehnköpfige Musenensemble (jetzt auch mit Quotenmann), skandiert: „Und jetzt soll der Python fallen!“ Unter diesem hehren Beifall des gewaltigen Musen-Nonetts zuzüglich Rap-Ikone liefern sich schließlich tragisch und episch und auch musikalisch und überhaupt zum zweiten Mal Apoll und Python den alles entscheidenden Kampf. Unzweifelhaft siegreich jedenfalls – glasklar war’s vorherzusehen und doch auch nicht – triumphiert dann der zu Anfang noch gänzlich überraschte, ja überforderte Apoll!

Und der initial erwähnte Polybios und dessen Weltperspektive? Ja, auf den bis hierher zu lesenden Text blickend, ist es – seien wir ehrlich – einerlei, ob dieses Theaterstück je zur Bühne gebracht worden wäre oder nicht. Aber für den Geist dieses Donnerstagabends galt nur der Moment, obwohl es da Krankheitsausfälle gab – und dann auch noch die Theatertechnik ihr übles Spiel mit dieser ehrlich-bescheidenen Uraufführung trieb: Widrigkeiten, die der Leser dieser Zeilen nicht einmal spüren könnte, wenn er wollte! Doch weder der Stolz auf all unsere beteiligten Turmair-Schüler noch der ihnen gebührende Applaus hätten – selbst ohne Widrigkeiten – größer sein können! Die Moral also unserer Geschicht’?

Siegreich wird sein, wer mit dem Unerwarteten richtig umzugehen weiß!

Maxim Buchner