Leichter lernen mit Latein

 

Latein Abend 2019 Affen 2 crEine ganze Horde Stoff-Äffchen auf dem Klavier? Darüber staunten die über 100 Grundschulkinder nicht schlecht, als sie am vergangenen Donnerstag in die neue Aula des altehrwürdigen Turmair-Gymnasiums strömten. Des Rätsels Lösung: Die Schüler der Chorklasse 5 sangen unter Leitung ihrer Musiklehrerin Susanne Schlögl zur Einstimmung auf den Latein-Schnupperabend „Die Affen rasen durch den Wald“ – natürlich auf Lateinisch. Dank der bunten selbstgemalten Plakate, welche die jungen Sänger passend zu jeder Strophe hochhielten, war die Story um die verschwundene Kokosnuss stets bestens verständlich.
Dass Latein ganz offensichtlich nicht nur beim Singen, sondern auch als Schulfach Spaß macht, durften die über 100 Viertklässler sodann in einer Schnupperstunde erfahren: Mit Schulleiterin Andrea Kammerer, die den Schnupperunterricht in ihrem Lieblingsfach zur Chefsache erklärt hatte, entdeckten sie, dass sie alle im Alltag lateinisch reden, wenn sie „Servus“ sagen. Eifrig schlossen sie von Fremdwörtern wie „Computer“ auf die Bedeutung des zu Grunde liegenden lateinischen Worts (computare rechnen). Nach 15 Minuten konnten sie bereits kurzen lateinischen Sätzen entnehmen, was im Kolosseum vor sich ging, und Vergleiche zur deutschen Sprache ziehen.
Die Erwachsenen lauschten unterdessen dem Vortrag des renommierten Fachdidaktikers und Lehrbuchautors Clement Utz zum Thema „Latein lernen leicht gemacht – Plädoyer für ein gymnasiales Fach“. Zunächst lud der Referent, der als ehemaliger Schulleiter über eine reiche Praxiserfahrung verfügt, dazu ein, in die Rolle eines Fünftklässlers zu schlüpfen. Ein zehnjähriges Kind zeige sich für Latein als einzig wirklich neues Fach am Gymnasium extrem aufgeschlossen und interessiert: Was haben die Römer gegessen und getrunken? Hielt man im alten Rom tatsächlich Affen als Haustiere? Was hat das trojanische Pferd mit der römischen Wölfin zu tun? Regelrecht verblüfft seien Kinder über die alltägliche Präsenz des Lateinischen, das nicht nur in vertrauten Kosmetikprodukten wie „Dentagard“ und „Penaten-Creme“ steckt, sondern auch Fußball-Reporter im Munde führen, wenn sie angesichts der „ineffizienten“ Spielweise mehr „Offensive“ fordern. Die Schüler erfahren dann in behutsamer Progression Latein als sprachliches, historisches, literarisches und philosophisches Fach. Das am Turmair eingesetzte Lehrbuch „Campus“ stelle hierfür die kindgerechte Verpackung dar, dank welcher Latein nicht schwerer, aber auch nicht leichter sei als andere Fächer, sondern „einfach anders“: Latein schaffe wertvolle „Grundlagen für alles Mögliche“, nicht nur für den Erwerb weiterer Fremdsprachen, sondern etwa auch für die Methodik des Lernens an sich. Zudem biete Latein entscheidende Chancen über das Fach hinaus: Eine Studie der Universität Köln habe gezeigt, dass Altsprachler schwierige Texte aus sämtlichen Bereichen – ob Literatur, Medizin oder Rechtswissenschaft – deutlich schneller verstehen als Vergleichspersonen ohne Latinum. Latein lehre problemlösendes und kombinatorisches Denken, wie dies gerade in der modernen Informationstechnologie gefragt sei: Denn die „Denkoperationen bei der Analyse und Übersetzung lateinischer Sätze sind die gleichen wie beim Erstellen komplexer Computerprogramme“. Latein ist logisch und verlässlich, da die Grammatik einem klaren Baukastensystem folgt, was gerade jüngeren Schülern mit ihrem Sicherheitsbedürfnis bezüglich „richtig und falsch“ entgegen komme. Dass sich Latein als nicht mehr gesprochene Sprache auch nicht mehr weiterentwickelt, stelle lerntechnisch ebenfalls einen Vorteil dar: Mit einer Basis von nur 1250 Vokabeln könne man nahezu 85 Prozent der wichtigsten lateinischen Texte verstehen. Der heutige Lateinschüler lernt also dank statistischer Untersuchungen nur noch genau die Wörter, die er braucht – eine radikale Begrenzung im Vergleich zum früheren Vokabelpauken.
All diese Vorzüge gelten nun, so Utz, ebenso für das am Turmair-Gymnasium alternativ angebotene Latein als zweite Fremdsprache. Dennoch plädierte der Referent – „wenn schon, denn schon“ – für Anfangslatein: Man habe mehr Zeit und Ruhe für die Spracherwerbsphase. Das einzig neue und daher extrem spannende Fach Latein entwickle sich häufig zum Lieblingsfach, welches später gerne für die Abiturprüfung gewählt werde. Vor allem aber könne man gleich ab der 5. Klasse einen noch größeren Gewinn für das gymnasiale Arbeiten an sich und für diverse andere Fächer daraus ziehen: Ob im Deutschunterricht der „Kausalsatz“ gefragt ist, in Mathe die „Addition“ oder in Musik die Unterscheidung zwischen „Dur“ und „Moll“ – der Lateiner weiß Bescheid. Diese Vorzüge des Anfangslateins konnte aufgrund ihrer aktuellen Praxiserfahrungen auch JTG-Lehrerin Doris Kölnberger bestätigen, die selbst sowohl Latein als auch Englisch in der Unterstufe unterrichtet.
Fachbetreuer Albert Jungtäubl bedankte sich bei Clement Utz, durch dessen Engagement der Latein-Abend am Turmair mittlerweile bereits zum fünften Mal in Folge stattfinden konnte. Im Anschluss nutzten viele Eltern die Gelegenheit, sich mit inhaltlichen und vor allem lernpraktischen Fragen an den Referenten zu wenden, bevor sie ihre Kinder wieder in Empfang nahmen. Diese hatten zusätzlich zu ihrer ersten Lateinstunde jede Menge Spaß bei einem Musik-Projekt mit Lehrer Thomas Knapek: Unter Begleitung von Keyboard und Percussion-Instrumenten sangen sie – natürlich auf Lateinisch! – über einen besonders regsamen Regenwurm. So wurde der Latein-Abend wahrlich zu einem tierischen Vergnügen.

Birgit Mania